Häufiges Syndrom mit oftmals seltenen Ursachen Akutes Karpaltunnelsyndrom durch Thrombose einer persistierenden Arteria mediana Dr. med. Moritz Scholtes a , Dr. med. Natasa Stamenkovic b , Dr. med. Samuel Christen a , Dr. med. Andrea Baumer b , PD Dr. med. Thomas Hundsberger c , Prof. Dr. med. Jörg Grünert a Kantonsspital St. Gallen: a Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie; b Klinik für Angiologie; c Klinik für Neurologie Hintergrund Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) ist mit einer jährli- chen Inzidenz von ca. 300/100 000 Personen die häu- fgste Kompressionsneuropathie. In den meisten Fäl- len tritt es idiopathisch auf. Verschiedene Ursachen können den Druck im Karpaltunnel erhöhen, etwa eine Synovialitis der Beugesehnen, Tumore, verlet- zungsbedingte Veränderungen des Raumangebotes bei distalen Radiusfrakturen oder perilunären Luxa- tionen oder Luxationsfrakturen. Die typischen Beschwerden umfassen vornehmlich nächtliche, teils schmerzhafe Kribbelparästhesien (Brachialgia paraesthetica nocturna), unterschied- lich stark ausgeprägte Sensibilitätsstörungen im Ver- sorgungsgebiet des Nervus (N.) medianus sowie im fortgeschrittenen Stadium motorische Ausfälle der Thenarmuskulatur. Neben der Anamnese und der klinischen Untersu- chung stehen zur Bestätigung der Diagnose die Neuro- graphie und die Sonographie zur Verfugung, wobei letztere zunehmend an Bedeutung gewinnt [1]. Die Arteria (A.) mediana ist während der Embryonal- entwicklung das zentrale axiale Gefäss der oberen Ex- tremität, das sich nach Entstehung der A. radialis und der A. ulnaris in der Regel im zweiten Monat der Em- bryonalentwicklung zuruckbildet. Eine persistierende A. mediana (PMA von «persistent median artery») fn- det sich bei ca. 5% der Bevölkerung, nicht selten in Verbindung mit einem bifden N. medianus und in einigen Fällen bilateral. Die Prävalenz variiert jedoch erheblich in Abhängigkeit der untersuchten Popula- tion, so kommen bei Neugeborenen und Kindern deutlich häufger PMA vor als bei Erwachsenen [2]. Verschiedene Varianten des Gefässes sind beschrie- ben: beim Vorderarmtyp endet das relativ schmäch- tige Gefäss proximal des Karpalkanals, beim Hohl- handtyp reicht es als kräfigere Arterie bis in die Handfäche, ist dann typischerweise das nutritive Gefäss fur den N. medianus und kann fur die Versor- gung einzelner oder mehrerer Finger verantwortlich sein [3]. Die Grösse variiert von einem winzigen, re- siduellen Gefässstrang bis zu einem kaliberstarken Gefäss mit dem Durchmesser einer normalen Unter- armarterie. Obwohl das Vorhandensein einer PMA an sich kein Risikofaktor fur ein Karpaltunnelsyndrom ist [2], wurde die PMA in verschiedenen Berichten als Aus- löser eines KTS beschrieben. Dabei liegen nicht zwin- gend pathologische Veränderungen wie Thrombose oder Aneurysma am Gefäss vor. Vielmehr wird vermu- tet, dass allein das Volumen des Gefässes den Druck im Karpaltunnel erhöhen kann. Eine begleitende Ischä- mie der Finger ist eine Seltenheit [4], da die Blutversor- gung meist uber die A. radialis oder ulnaris gewähr- leistet wird. Unser Bericht beschreibt einen Patienten mit Karpal- tunnelsyndrom aufgrund einer provozierten Throm- bose einer PMA mit intermittierenden Durchblutungs- störungen des Zeigefngers. Fallbericht Anamnese Ein 28-jähriger Koch stellte sich drei Tage nach einer «downhill»-Fahrradtour mit erstmalig und akut auf- getretenen Symptomen eines KTS rechts vor. Er be- schrieb vor allem Schmerzen am Handgelenk beim aktiven Faustschluss und Kribbelparästhesien. An der linken Hand hatte er keine Beschwerden. Befunde In der klinischen Untersuchung zeigte sich eine ver- minderte Sensibilität im Versorgungsgebiet des N. medianus, ein positiver Phalen-Test und Schmerzen im Handgelenk beim Faustschluss. Anzeichen fur eine Durchblutungsstörung lagen anfangs nicht vor. P e e r r e v i e w e d a r t i c l e Moritz Scholtes SWISS MEDICAL FORUM – SCHWEIZERISCHES MEDIZIN-FORUM 2020;20(5–6):86–88 DER BESONDERE FALL 86 Published under the copyright license “Attribution – Non-Commercial – NoDerivatives 4.0”. No commercial reuse without permission. See: http://emh.ch/en/services/permissions.html