Beschreiben/Zersetzen: Dekonstruktion als Institutionskritik MARTIN SAAR Es gehört zu den Ironien der Rezeptionsgeschichte, dass das Werk von Jacques Derrida in vielen Kontexten emblematisch für etwas steht, wogegen es sich an- fänglich gerichtet hatte: Wenige andere philosophische Theorien werden so hart- näckig auf ihren „Gründer“ bezogen, dem man eine strenge „Methode“ zu- schreibt und der angeblich damit eine „Schule“ begründet habe. Solche Kategori- sierungen sind einerseits verfehlt, ist doch die Kritik an den Mythen des Originä- ren und der Fundierung einer der Hauptimpulse dekonstruktiven Denkens; es wird andererseits für das Fort- und Überleben dieses Denkens nach Derrida keine geringe Rolle spielen, mit welchem Erfolg es von den Primärtexten gelöst, wie es als Denkform reformuliert und ob es als eine inhaltlich bestimmte philosophische Position weitere Wirkungen entfalten kann. In der innerphilosophischen Debatte haben sich bisher drei Themenfelder he- rausgebildet, in denen sich die Frage nach der Philosophie der Dekonstruktion vorrangig stellt. Erstens lassen sich ausgehend von den frühen Schriften Derridas zur Kritik des Strukturalismus und der Phänomenologie und von seinen Ansätzen zu einer zugleich poststrukturalistischen und postphänomenologischen Schrift- und Zeichentheorie viele seiner Interventionen als fundamentalphilosophische Beiträge zur Theorie der Sprache und der Bedeutung verstehen. Diese Versuche sind mit großer Plausibilität auf sowohl ihre transzendentalphilosophischen und metaphysikkritischen Vorläufer bezogen worden; ihr systematisches Ziel könnte man als eine kritische Sprach- und Bedeutungstheorie beschreiben, die der not- wendigen Kontingenz und Heteronomie von Sinnbildungsprozessen Rechnung trägt. 1 1 Rodolphe Gasché: The Tain of the Mirror: Derrida and the Philosophy of Reflec- tion, Cambridge: Harvard University Press 1986; Christoph Menke: „‚Absolute In- terrogation‘ – Metaphysikkritik und Sinnsubversion bei Jacques Derrida“, in: Phi-